„Gefängnisse müssen abgeschafft werden!“

Diese Forderung sichert einerseits Aufmerksamkeit und Schlagzeilen. Andererseits löst sie bei vielen Menschen Unverständnis und wenig Bereitschaft dazu aus, sich differenzierter mit der Frage auseinanderzusetzen, ob und in welchem Umfang es sinnvollere Alternativen zu unserem derzeitigen Strafvollzug gibt.

Die Forderung bedarf daher näherer Erläuterung. Nicht alles, was wir mit und in unseren Gefängnissen erreichen oder erreichen wollen, soll abgeschafft werden. Schon gar nicht sollen die Arbeitsplätze der Justizbediensteten abgeschafft werden, oder soll das, was sie tagtäglich leisten, als sinnlos oder gar schädlich bezeichnet werden. Ganz im Gegenteil. Bei einer Fortentwicklung unseres Systems sind wir dringend auf die Erfahrung und Kompetenz derjenigen angewiesen, die seit Jahren oder Jahrzehnten mit Straffälligen arbeiten. Vieles, was derzeit in unseren Justizvollzugsanstalten im Bereich Ausbildung, Fortbildung, Therapie und „Behandlung“ im weitesten Sinne angeboten wird, ist sehr wert – und sinnvoll. Es hätte bei einer Änderung der äußeren Strukturen, und einer Abkehr von der Idee, Hunderte von Straffälligen zur Strafe zusammen in eine geschlossene Anstalt einzusperren, jedoch viel größere Aussichten auf nachhaltige Erfolge. 

Es muss also darum gehen, die Strukturen zu verändern, wobei der weitgehende Entzug von Freiheit nur bei wenigen Schwerstkriminellen zum Schutz der Allgemeinheit Sinn macht. Ansonsten müssen ambulante und dezentrale Strukturen geschaffen werden, bei denen eine Schadenswiedergutmachung für die Opfer und eine bestmögliche Resozialisierung der Straffälligen im Mittelpunkt stehen.

Der Systemische Wandel, wie ihn Bernd Maelicke und Christopher Wein („Resozialisierung und Systemischer Wandel“, Nomos Verlag 2020) propagieren und vorantreiben, ist nachdrücklich zu unterstützen. Es geht darum, (Freiheits-) Strafen zunehmend zu reduzieren, und die Resozialisierung Straffälliger mit komplexen und langfristigen Strategien anzugehen. Das kann nur mit einer stärkeren Vernetzung aller beteiligten Institutionen und Akteure gelingen.

Ganz entscheidend für eine Verlegung des Schwerpunktes von strafenden auf resozialisierende Maßnahmen sind dabei die Einbindung und Information einer möglichst breiten Öffentlichkeit. 

Das Strafen ist kein rationaler Akt, und keine Wissenschaft wie die Medizin. Es dient ganz wesentlich dazu, den (mutmaßlichen) Willen der Mehrheit unserer Gesellschaft zu befriedigen. Für grundlegende Änderungen muss diese Mehrheit daher mitgenommen werden.

Das erfordert mehr Transparenz der Justiz und eine möglichst offene Kommunikation mit „der Öffentlichkeit“. Wir müssen die Menschen hinter den Mauern und Schlagzeilen sichtbarer machen. In meiner fünfzehnjährigen Tätigkeit im Strafvollzug habe ich sicher einige Tausend Gefangene kennengelernt. Bei vielen war ich mir sicher: wenn die Öffentlichkeit diesen Menschen auch kennenlernen würde, und wenn sie wüsste, was die Haft bei ihm bewirkt, und was sie nicht bewirkt, wenn sie das Gefängnis von innen betrachten könnte, dann wäre die Mehrheit mit mir der Überzeugung, dass es für die allermeisten Inhaftierten sinnvollere Wege außerhalb des Gefängnisses geben muss. Zu diesem Schluss kommt man auch, wenn man sich mit den differenzierten Bedürfnissen vieler Kriminalitätsopfer befasst.

Die Forderung, unsere Gefängnisse, wie wir sie derzeit kennen, abzuschaffen und durch Alternativen zu ersetzen, löst bei einer aufgeklärten Öffentlichkeit dann nicht mehr Unverständnis oder Abwehr aus, sondern die Bereitschaft, gemeinsam darüber nachzudenken.     

 

Zum Autor:

Der Jurist und Kriminologe Dr. Thomas Galli war über 15 Jahre lang im Justizvollzug tätig, zuletzt als Leiter einer Justizvollzugsanstalt. Seit 2016 engagiert er sich als Rechtsanwalt für Strafvollzugsrecht (www.galli-riedl.de). In seinem aktuellen Buch „Weggesperrt - Warum Gefängnisse niemandem nützen“ (Edition Körber 2020) zeigt er Alternativen zum derzeitigen Strafvollzug auf.